Blog Adventskalender 2011 – 7.Söckchen
Interview mit dem Weihnachtsmann
Eine vorweihnachtliche Betrachtung
Erich Kästner (1899-1974)
Es hatte schon wieder geklingelt. Das neuntemal im Verlauf der letzten Stunde! Heute hatten, so schien es, die Liebhaber von Klingelknöpfen Ausgang. Mürrisch rollte ich mich türwärts und öffnete.
Wer, glauben Sie, stand draußen? Sankt Nikolaus persönlich! In seiner bekannten historischen Ausrüstung. “Oh”, sagte ich. “Der eilige Nikolaus!” – “Der heilige, wenn ich bitten darf. Mit h!” Es klang ein wenig pikiert. “Als Junge habe ich Sie immer den eiligen Nikolaus genannt. Ich fand’s plausibler.” – “Sie waren das?” – “Erinnern Sie sich denn noch daran?” – “Natürlich! Ein kleiner hübscher Bengel waren Sie damals!”
“Klein bin ich immer noch.” – “Und nun wohnen Sie also hier.” – “Ganz recht.” Wir lächelten resigniert und dachten an vergangene Zeiten.
“Bleiben Sie noch ein bißchen!” bat ich. “Trinken Sie noch eine Tasse Kaffee mit mir!” Er tat mir, offen gestanden, leid.
Was soll ich Ihnen sagen? Er blieb. Er ließ sich herein. Erst putzte er sich am Türvorleger die Stiefel sauber, dann stellte er den Sack neben die Garderobe, hängte die Rute an einen der Haken, und schließlich trank der mit mir in der Wohnstube Kaffee.
“Zigarre gefällig?” – “Das schlag ich nicht ab.” Ich holte die Kiste. Er bediente sich. Ich gab ihm Feuer. Dann zog er sich mit Hilfe des linken den rechten Stiefel aus und atmete erleichtert auf. “Es ist wegen der Plattfußeinlage. Sie drückt niederträchtig.” – “Sie Ärmster! Bei Ihrem Beruf!” – “Es gibt weniger Arbeit als früher. Das kommt meinen Füßen zupaß. Die falschen Nikoläuse schießen wie die Pilze aus dem Boden.”
“Eines Tages werden die Kinder glauben, daß es Sie, den echten, überhaupt nicht mehr gibt.” – “Auch wahr! Die Kerls schädigen meinen Beruf! Die meisten von denen, die sich einen Pelz anziehen, einen Bart umhängen und mich kopieren, haben nicht das mindeste Talent! Es sind Stümper!” – “Weil wir gerade von Ihrem Beruf sprechen”, sagte ich, “hätte ich eine Frage an Sie, die mich schon seit meiner Kindheit beschäftigt. Damals traute ich mich nicht. Heute schon eher. Denn ich bin Journalist geworden.” – “Macht nichts”, meinte er und goß sich Kaffee zu. “Was wollen Sie seit Ihrer Kindheit von mir wissen?” – “Also”, begann ich zögernd, “bei Ihrem Beruf handelt es sich doch eigentlich um eine Art ambulanten Saisongewerbes, nicht? Im Dezember haben Sie eine Menge Arbeit. Es drängt sich alles auf ein paar Wochen zusammen. Man könnte von einem Stoßgeschäft reden. Und nun …” – “Hm?” – “Und nun wüßte ich brennend gern, was Sie im übrigen Jahr tun!”
Der gute alte Nikolaus sah mich einigermaßen verdutzt an. Er machte fast den Eindruck, als habe ihm noch niemand die so naheliegende Frage gestellt. “Wenn Sie sich nicht darüber äußern wollen …” – “Doch, doch”, brummte er. “Warum denn nicht?” Er trank einen Schluck Kaffee und paffte einen Rauchring. “Der November ist natürlich mit der Materialbeschaffung mehr als ausgefüllt. In manchen Ländern gibt’s plötzlich keine Schokolade. Niemand weiß wieso. Oder die Äpfel werden von den Bauern zurückgehalten. Und dann das Theater an den Zollgrenzen. Und die vielen Transportpapiere. Wenn das so weitergeht, muß ich nächstens den Oktober noch dazunehmen. Bis jetzt benutze ich den Oktober eigentlich dazu, mir in stiller Zurückgezogenheit den Bart wachsen zu lassen.”
“Sie tragen den Bart nur im Winter?” – “Selbstverständlich. Ich kann doch nicht das ganze Jahr als Weihnachtsmann herumrennen. Dachten Sie, ich behielte auch den Pelz an? Und schleppte 365 Tage den Sack und die Rute durch die Gegend? Na also. – Im Januar mache ich dann die Bilanz. Es ist schrecklich. Weihnachten wird von Jahrhundert zu Jahrhundert teurer!” – “Versteht sich.” – “Dann lese ich die Dezemberpost. Vor allem die Kinderbriefe. Es hält kolossal auf, ist aber nötig. Sonst verliert man den Kontakt mit der Kundschaft.” – “Klar.” – “Anfang Februar lasse ich mir den Bart abnehmen.”
In diesem Moment läutete es wieder an der Flurtür. “Entschuldigen Sie mich, bitte?” Er nickte. Draußen vor der Tür stand ein Hausierer mit schreiend bunten Ansichtskarten und erzählte mir eine sehr lange und sehr traurige Geschichte, deren ersten Teil ich mir tapfer und mit zusammen-gebissenen Ohren anhörte. Dann gab ich ihm das Kleingeld, das ich lose bei mir trug, und wir wünschten einander auch weiterhin alles Gute. Obwohl ich mich standhaft weigerte, drängte er mir als Gegengeschenk ein halbes Dutzend der schrecklichen Karten auf. Er sei, sagte er, schließlich kein Bettler. Ich achtete seinen schönen Stolz und gab nach. Endlich ging er.
Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, zog Nikolaus gerade ächzend den rechten Stiefel an. “Ich muß weiter”, meinte er, “es hilft nichts. Was haben Sie denn da in der Hand?” – “Postkarten. Ein Hausierer zwang sie mir auf.” – “Geben Sie her. Ich weiß Abnehmer. Besten Dank für Ihre Gastfreundschaft. Wenn ich nicht der Weihnachtsmann wäre, könnte ich Sie beneiden.”
Wir gingen in den Flur, wo er seine Utensilien aufnahm. “Schade”, sagte ich. “Sie sind mir noch einen Teil Ihres Jahreslaufs schuldig.” Er zuckte die Achseln. “Viel ist im Grunde nicht zu erzählen. Im Februar kümmere ich mich um den Kinderfasching. Später ziehe ich auf Frühjahrsmärkten umher. Mit Luftballons und billigem mechanischen Spielzeug. Im Sommer bin ich Bademeister und gebe Schwimmunterricht. Manchmal verkaufe ich auch Eiswaffeln in den Straßen. Ja, und dann kommt schon wieder der Herbst – und nun muß ich wirklich gehen.”
Wir schüttelten uns die Hand. Ich sah ihm vom Fenster aus nach. Er stapfte mit großen, hastigen Schritten durch den Schnee. An der Ecke Ungerstraße wartete ein Mann auf ihn. Er sah wie der Hausierer aus, wie der redselige mit den blöden Ansichtskarten. Sie bogen gemeinsam um die Ecke. Oder hatte ich mich getäuscht? Eine Viertelstunde danach klingelte es schon wieder. Diesmal erschien der Laufbursche des Delikatessengeschäftes Zimmermann Söhne. Ein angenehmer Besuch! Ich wollte bezahlen, fand aber die Brieftasche nicht gleich. “Das hat ja Zeit, Herr Doktor”, meinte der Bote väterlich. “Ich möchte wetten, daß sie auf dem Schreibtisch gelegen hat!” sagte ich. “Nun gut, ich begleiche die Rechnung morgen. Aber warten Sie noch, ich bring’ Ihnen eine gute Zigarre!” Die Kiste mit den Zigarren fand ich auch nicht gleich. Das heißt, später fand ich sie ebensowenig. Die Zigarren nicht. Die Brieftasche auch nicht.
Das silberne Zigarettenetui war auch nicht zu finden. Und die Manschettenknöpfe mit den großen Mondsteinen und die Frackperlen waren weder an ihrem Platz noch sonstwo. Jedenfalls nicht in meiner Wohnung.
Ich konnte mir gar nicht erklären, wohin das alles geraten sein mochte. Es wurde trotzdem ein stiller hübscher Abend. Es klingelte niemand mehr. Wirklich, ein gelungener Abend. Nur irgend etwas fehlte mir. Aber was? Eine Zigarre? Natürlich! Glücklicherweise war das goldene Feuerzeug auch nicht mehr da. Denn das muß ich, obwohl ich ein ruhiger Mensch bin, bekennen: Feuer zu haben, aber nichts zum Rauchen im Haus, das könnte mir den ganzen Abend verderben!
Und wo findest du morgen das achte Söckchen des Blogger Adventskalenders?
Schau doch einfach vorbei bei Matthias, Alex oder doch bei Oliver!? In diesem Sinne noch eine schöne Vorweihnachtszeit :-)
Veröffentlicht: Mittwoch, 7. Dezember 2011 unter XYZ - Mitmachen erlaubt
Tags: Aktion Blogger-Adventskalender, Blog Adventskalender 2011, Erich Kästner, Geschichte, Söckchen, Weihnacht
















Tolle Geschichte! Geschmack getroffen! Ein schönes Adventskalendertürchen
GvlG und einen wunderschönen Tag wünscht dir
Josie
Wieder ein sehr schönes Söckchen im diesjährigen Blog-Adventskalender.
?)
Viele Grüße nach Österreich (hat der Krampuss dich “verschont”
Arven,
danke für die vorweihnachtliche Geschichte.
Na dann passen wir in diesem Monat mal ein bisschen besser auf, wenn es an der Tür klingelt.
Danke jedenfalls für das Söckchen,
liebe Grüße und eine angenehme Vorweihnachtszeit,
Alex
@ Josie
Bereits das dritte Jahr in Folge. Ich finde die Idee wunderschön die Alex da ins Leben ins gerufen hat :))
Bussi an dich!!
@ Stephan
-lach- verschont eher nicht, ich kam gerade noch rechtzeitig davon würde ich sagen
@ Alex
Ich sage Danke für die schöne Idee und das ich bereits das dritte Jahr dabei sein durfte :))
… schon wieder schön geschmunzelt heute morgen, danke! die geschichte drucke ich mir gleich mal aus- alle guten wünsche!
christiane
Nichts zu danke, Arven.
Auch ich danke jedem einzelnen Teilnehmer, denn ohne 24 Blogs, kein Adventskalender! :D
Ist klasse, wie das jedes Jahr wieder auf’s neue klappt und es sind immer wieder klasse Söckchen am Start. Man freut sich echt auf jeden Tag! :)
Und dann jetzt schon einmal herzlich Willkommen 2012 beim 4. Mal in Folge! :D
Liebe Grüße, Alex
@ christiane
Klasse das es Dir gefällt! Ich finde die Geschichte auch toll. Vor allem finde ich diese Klassiker genau zur Weihnachtszeit richtig passend sind… Ich mag sowas sehr.
Lieben Gruss zurück, Arven :-)
@ Alex
Und ich freu mich riesig auf 2012 und sage jetzt schon Danke :))
Uiii! Eine Vorweihnachtsgeschichte! Jetzt kommt schön langsam Stimmung auf – denn letzte Nacht hat’s geschneit und es ist alles ein bisschen weiß :-)
Schöne Adventzeit!
Gerry
“verschont eher nicht, ich kam gerade noch rechtzeitig davon würde ich sagen”
Glück gehabt oder schnell genug gelaufen!?
Ich selber war zu dieser Zeit noch nicht in Österreich. Aber meine Cousinen haben mehrmals berichtet, dass es schon mal recht ruppig zugehen kann.
Hey Michaela – lange nicht mehr gesehen oder gelesen. Ja mich gibt es auch noch – und ich wollte den Adventskalender mal nutzen um dir mal wieder zuzuzwinkern und mich auch für die vorweihnachtliche Geschichte mit dem plattfüßigen Weihnachtsmann zu bedanken. Schmatz ;-)
Wow, schöne Geschichte, nur leider zum Schluss nicht ganz so glücklich. Oder aber vielleicht doch, denn rauchen kann tödlich sein. ;)
Danke für dein Söckchen!
@ Gerry
*Bussiiii* schön von Dir zu lesen!
Meine Mail bekommen wegen unserem Weihnachtsmarkttrip ??
Oh bei euch in Salzburg auch Schnee? Hier in der grünen Steiermark auch.
Da ist das Weihnachtsfeeling gleich ganz anders oder?
@ Stephan
Sagen wir mal so die Kombination aus beidem *gg*
Wenn man diese Geschichte schon kennt aus Kindertagen weiss man wie man eventuell Heil nachhausekommt -lach-
Stimmt schon wer schwache Nerven hat oder nicht sonderlich auf rauhen Spass steht sollte solche Veranstaltungen meiden.
Aber im Allgemeinen ist es wirklich lustig – was ja auch der Sinn der Geschichte ist.
@ Oliver
Einfach nur schön Dich wieder zu lesen!
Es wird echt Zeit mal wieder zu quatschen!
Ganz dicken Schmatzer zurück! :-)
@ Skatze
Ich glaube diese Klassiker wie Kästner oder auch Charles Dickens gehören einfach in die Weihnachtszeit so irgendwie…
Rauchen kann tödlich sein im Sinne von zum Glück wurde das Feuerzeug geklaut oder so? *gg*
@Arven: Mail? Wann?? Nein! Keine bekommen! Bitte unbedingt noch einmal schicken!
@ Gerry
Schon unterwegs :))
Ja auf jeden Fall, diese Menschen haben auch einfach nur gute Geschichten usw. geschrieben.
Jup, so war das gemeint mit dem Rauchen :D
@ Skatze
In der Beziehung bin ich auch etwas altmodisch. Bei guter Literatur zb. Ich habe vor kurzem die Biographie von Heinz Erhard bekommen.
Gefällt mir ausgesprochen gut muss ich sagen.
Gut wenn es nachdem ginge dürfte man so einiges nicht… :))
Da halte ich es mit Erich Kästner – auch ohne goldenes Feuerzeug, die Genuss Zigarette hat etwas!
Vielen Dank für diese schöne Geschichte.
Ich liebe die Bücher von Erich Kästner.
@ Marc
Ich auch, mit dem “fliegenden Klassenzimmer” zb. bin ich aufgewachsen.
Eines meiner Lieblingsbücher in meiner Kindheit :)
Wow, das hast du schön geschrieben, echt toll :)
Grüße Beate
@ Beate
Nein das war nicht ich…diese Geschichte ist von Erich Kästner.
Ich war nur so frei sie wiederzugeben weil ich Kästners feinsinnigen Humor sehr schätze und denke er war einer der ganz Grossen in der deutschen Literatur.
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Liebe Michaela,
es ist viele Jahre her dass ich diese Weihnachtsgeschichte von meinem geliebten Erich Kästner gelesen habe und Du hast mir damit eine Riesenfreude gemacht!
Herzlichen Dank und eine wunderschöne Vorweihnachtszeit!
Coole Geschichte, liebe Michaela.
Liebe Grüße an dich und lass den Nikolaus lieber nicht rein ;-) ,
Martina
@ Mendweg
Übrigens ein sehr cooler Nick… :))
Wie ich schon oben anmerkte auch ich bin ein grosser Kästner Fan!!
Auch Dir eine ganz tolle Weihnachtszeit und viel Spass bei allem was Du so anstellst im Advent!
@ Martina
Denn Nikolaus nicht reinlassen?
Puhh, villeicht verpasse ich da aber jede Menge coole Geschenke?
Ganz lieben Gruss aus den Bergen, Michaela
Bin ein bisschen spät dran, hust! Nichts desto trotz hat mir dein Söckchen sehr gut gefallen!
Lieben Weihnachtsgruß ins Nachbarland von der Erdbeere
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